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Segel-Club Nordstern Spandau e.V.
gegründet 1920 |
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von Werner Kunze
Die erste Arbeit für den Nordstern war für mich keine Handarbeit, keine Aufräumarbeit, sondern die Nachtwache. An allen Ecken des Geländes hingen Schilder mit der Aufschrift:
Nicht nur um die Mitglieder zur Mithilfe anzuhalten, sondern auch um den ungebetenen Besuchern zu zeigen, daß hier aufgepaßt wird.
Wie war es denn damals: Während der ersten Zeit nach dem Krieg -- mit wechselnden Besatzern, erst den Russen, dann den Engländern -- hatte der Bootshafen und das Gelände "Offenes Haus". Die Russen waren an allen Ecken und Enden, konnten aber mit den Booten wenig anfangen. Einige Boote waren vorsorglich versenkt worden, andere standen noch in der Halle. Im Garderobenhaus aber wurde von ihnen alles verkramt, die Schränke aufgebrochen und die Toiletten nicht zielgenau benutzt. Einige alte Mitglieder versuchten zu retten was zu retten ging. Das war aber bei den Russen nicht einfach.
Die Engländer suchten sich Verantwortliche für das Grundstück, brachten Boote ins Wasser und takelten sie mit Hilfe ihres Managers auf. Sie legten sie im Aalemannkanal vor Anker. Da lagen sie noch, als ich 1948 in den SCN eintrat: An langen Leinen, ohne Plan, und je nach Windrichtung stießen sie links oder rechts mit Baumstämmen oder anderen Booten zusammen. Der Aalemannkanal hatte damals an den Ufern kaum noch Bäume.
Der Verein bekam dann von den Engländern das Grundstück zurück. Da man aber von vorn, von hinten und von allen Seiten leicht einsteigen konnte, sammelte der Vorstand seine Mitglieder zusammen und teilte sie zur Nachtwache ein. In der Winterkantine wurden Pritschen aufgestellt. Schlafsachen mußte jeder mitbringen, und für Bewaffnung wurde gesorgt: Gummikabel mit Schlinge für den Unterarm. Ein Plan wurde aufgestellt, so daß jedes Mitglied mehrmals im Monat in den Genuß eines außerehelichen und harten Bettes kam. Einige Mitglieder schliefen in ihren Lauben. Manche wohnten auch ständig da. Häufig traf man sie nachts, und man mußte höllisch aufpassen, daß man nicht verwechselt wurde.
Mein Schlummerpartner war häufig Walter Ribbeck, seines Zeichens Elektroschweißer bei Siemens. Im Nordstern war er Festobmann und schwärmte mir nachts häufig vor, welche Vorbereitungen er für den Jubiläumsball bisher getroffen habe. Da unser Club 1945 sein 25. Jubiläum nicht feiern konnte, sollte es 1950 zum 30. Jahrestag nachgeholt werden. Für die Feier hatte er den Saal bei Seitz in der Schützenstraße festgemacht. Die Kapelle war bestellt. Ein Konferenzier wurde noch gesucht und ein paar Sketche sollten auch noch sein. Von Mal zu Mal erweiterte und vervollständigte er sein Programm. Für den Konferenzier engagierte er Horst Schallon. Als ich ihm sagte, daß ich mit Schallon bei der Post gelernt und wir beide eine Werkbank geteilt haben, wollte er mich gleich als Betreuer einsetzen. Aber ich dankte, denn mit der Betreuung waren auch Kosten verbunden. Als kleiner Postangestellter mit Familie und Oma konnte ich mir keine großen Sprünge erlauben. Für die Sketche engagierte er den Noch-nicht-Schwiegersohn von Hermann Buschow, Karl-Heinz Brunnemann, und einen Partner. So gingen dann die Nächte mit Plaudern, Rundgängen und Krachmachen vorüber.
Ein weiterer Wachepartner war Hermann Buschow, selbständiger Herrenschneider aus der Reichsstraße in Neu-Westend. Er erzählte von seinem Geschäft, seinen Kunden, so auch Viktor de Kowa, den er für seine Anproben in dessen Wohnung aufsuchen mußte. Geschäftstüchtig wie er war, hat er mir dann auch einen Festanzug eingeredet. Zur Anprobe mußte ich danach in die Reichsstraße kommen, wo wir, meine Frau und ich, mit Familie Buschow einen schönen Abend verbrachten. Als wir spät zu Fuß über die Brücke beim Kraftwerk West an der Kerzenfabrik Motard vorbei nach Haselhorst gingen, fiel uns gar nicht auf, daß die Ratten an den Abfallhaufen ein ziemliches Spektakel machten. Hermann war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden. Er bekam eine Kugel ins Gesicht, die seinen Ober- und Unterkiefer traf. Als sein Kauwerkzeug diente ein Komplettgebiß, das durch Federspannung auseinandergedrückt wurde. Trotz dieser Verwundung konnte er aber lustig und fröhlich sein, und wenn er so richtig dabei war, konnte sein Gebiß auch alleine essen. Die Freundschaft blieb, und da Buschows eine Laube hatten, trafen wir uns öfter.
Buschows Tochter heiratete Karl-Heinz Brunnemann, der eine Filmfirma gründete und viele Filme für uns Deutsche verständlich machte. Häufig lasen wir auch im Nachspann, daß eine der Sprecherinnen Ursula Buschow war. Hermann erzählte auch von früher, von den guten Seglern, von den Festen in der Halle und von den kleinen Feiern in der Winterkantine. Eines wurmte ihn aber maßlos: Der WSV Nordstern gewann den vom Restaurant "Zum Falkensteiner" gestifteten und innerhalb des Freien Segler-Verbandes ausgesegelten Wanderpreis, den "Falkensteiner". Bei der Wertung ging es dabei um die Mitgliederzahl, die Anzahl der gesegelten Boote und die Ergebnisse der Wettfahrten auf dem Müggelsee. Diesen Preis hatte der Nordstern endgültig gewonnen.
Tischlermeister Knoll baute eine achteckige Vitrine, und der Preis wurde in ihr aufgestellt und wie eine Reliquie verehrt. Als der Verein das Gelände wieder offiziell benutzen durfte, war die Vitrine leer. Die Vitrine konnte noch jahrelang besichtigt werden, und die alten Mitglieder schwärmten neugierigen Besuchern gern die Geschichte vom "Falkensteiner" vor.
Die Tochter des Tischlermeisters Knoll war auch Mitglied in unserer Jugendabteilung. Sie trat aus, als Hans Höppner sie bei uns entdeckte und ehelichte. Hans war Chefredakteur beim Spandauer Volksblatt, dessen Eigentümer Kurt Leszinsky auch bei uns Mitglied war. Die Verbindung zum Volksblatt hielten wir aufrecht. Hans Höppner besuchte uns noch einige Male, und Kurt Leszinsky versuchte seinem Sohn das Segeln schmackhaft zu machen, dies bis zu seinem frühen Tode. Viele können sich sicher noch an die vielen Restrollen Zeitungspapier vom Volksblatt erinnern, die wir für die Ausschmückung unserer Räume verwendet haben.
Die interessantesten Nächte verbrachte man mit Erich Karge. Er wetterte über alles und jeden. Er war auch einmal 2. Vorsitzender. Am meisten lästerte er über Wilhelm Gabriel, der sein Motorboot in der Mitte durchschnitt und um einen Meter verlängerte. Nur Erichs Motorboot war die Vollendung. Aber nicht nur über Motore, Regatten, 10er Wanderjollen und deren Eigner hörte man etwas, so auch über die 10er von Hanne Birr. Der hatte im "Curry" gelesen, daß die Wanten soviel hindern wie eine Person an Deck. Er baute also einen dicken Mast, der auch ohne Wanten stehen sollte. Aber das war wohl nichts. Jedenfalls konnte ich erkennen, daß im Nordstern an den Booten sehr viel gebaut, umgebaut und ausprobiert und große Regattaerfolge mit den kleinen Booten erzielt wurden, wobei Erich mit seiner "Ronchy" immer den ersten Platz belegte.
Als wir dann das alte Garderobenhaus abrissen, entdeckten wir noch einen ganzen Stapel von den Pappschildern mit der Aufschrift:
Ich denke gern daran, weil hierdurch nicht nur private Freundschaften geschlossen wurden, sondern auch das Verständnis für den anderen und den Verein gefördert wurde.
Werner Kunze
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