Regattasport
oder die Entdeckung der Langsamkeit
von Ute Steffenhagen
|
Als wir uns mittig zwischen Avernakø, Bjømø und Lyø befinden, wird der Diesel wieder angeschmissen, das Schiff in den Wind gestellt und die Segel geborgen. Für uns heißt das, die Segel wieder am Klüver einzupacken. Zuerst mit Zeisingen sichern und dann ordentlich einpacken. Da Babsi und ich ja „Häkeln“ können, fällt uns diese Technik nicht schwer, sehr zum Erstaunen der Crew. „Macht ihr das öfter?“ Nee, eigentlich nicht, auf dem Piraten braucht man das nicht und eine Varianta hat das auch nicht nötig. Irgendwann ist alles verpackt. Die anderen sind schon länger fertig und schauten uns interessiert zu. Dann heißt es anlegen. Als Fender dienen Reifen, die Außenbords gehangen werden. Luftfender platzen öfter und sind teuer. Einige Fenderleichen liegen noch an Bord und dienen als Sitzunterlage. Nun sind wir in Dänemark angekommen und können auf der Insel spazieren gehen. Einfach schöööööön grün und irgendwie märchenhaft. Lyø oder Lyö ist eine eiförmige, max. 24 Meter hohe dänische Ostseeinsel in der so genannten "Dänischen Südsee", südlich von Fünen, etwa 7 Kilometer von Fåborg. Auf der 6,05 km² großen Insel wohnen aktuell ca. 100 Einwohner. Auf Lyø gibt es nur einen Ort, der Lyø (oder Lyø By) heißt und etwa 1 km vom Seglerhafen entfernt. Er ist mit seinen fünf Dorfteichen eines der schönsten Dörfer Dänemarks. Als wir zurückkommen hat der eingeteilte Trupp unser Essen zubereitet, es wird gegrillt! Einfach lekker! Am nächsten Morgen heißt es Ablegen und zwar zeitig, denn der Weg nach Flensburg ist lang! Wir müssen erst, das am Vorabend noch bei uns angelegte Schiff, ablegen lassen, bevor wir in See stechen können. Einen großen Teil der Strecke sind wir gesegelt. Leider fehlte zum Helfen einer unser Teammitglieder, der hatte sich verdünnisiert in seine Kabine. Die Bootsleute halfen uns beim Segelsetzen, Wenden und Bergen der Segel. In der Flensburger Förde ist ein ganz schöner Verkehr und man sieht auch schon sehr viele Traditionssegler, die mit uns das selbe Ziel hatten. Wir waren spät dran und suchten einen Anlegeplatz, da das Schiff der größte Teilnehmer der Rum-Regatta war, war das ein schwieriges Unterfangen. Schließlich fanden wir einen Platz und wir konnten von Bord. Lilli der Bordhund hatte es ziemlich eilig. Irgendwie klar oder? Tolle Schiffe sind zu sehen und nach etwas Recherche (und Foto der Meldeliste, merken konnte ich mir das nicht) stellte sich heraus, was da versammelt war. Es sind alles traditionelle Arbeitsboote, Gaffelkutter, Brigantinen, Baltic-Trader und Galeassen, Spitzgatter und Steinfischer oder Zollkreuzer, Besan-, Gemüse- oder Seeewer, Schokker, Krabben-, Finkenwerder-, Gaffel- oder Hai-Kutter, Logger (das sind wir, z.B.), Colin Archer jüngeren und älteren Baudatums und Zeesboote. Die Holländer kamen mit Plattbodenschiffen unterschiedlicher Machart, Größe und Form. Auch Dänen mit Bornholmer Lachsboote, Jagten, und Smakken,. Einige sehen aus wie alte Wikingerschiffe. Flensburg selbst ist hübsch, wir machten einen kurzen Spaziergang am Pier entlang und einen Abstecher in die Stadt. Wir sind dann zum Essen an Bord, es gab Fisch in allen erdenklichen Variationen. Danach musste der Fisch schwimmen, also sollte er mit Bier und Rum zum Schwimmen gebracht werden. Da an der Pier eine Art Volksfest für die Rumregatta veranstaltet wurde, war die Gelegenheit nicht weit. Irgendwann ging es ins Bett, nicht alzu spät, denn am nächsten Morgen waren wir mit Frühstück dran. Nach dem Frühstück legten wir mit etlichen weiteren Gästen ab und begaben uns zum Regattafeld. (Regattasegeler lassen Ballast an Land und laden nicht weiteren auf??). Eine Startlinie gab es irgendwie nicht, jedenfalls nicht wie wir sie kennen. Als wir bei der Wendmarke waren war das Manöver für mich als Regattasegler schon interessant. Denn der Diesel wurde zu Hilfe genommen. Nun gut, als wir das bewegliche Gut wieder in die richtige Position gebracht haben, ging der Diesel wieder aus. Nun hieß es „Ab ins Ziel“!, es war nur einmal up &down zu segeln. Babsi versuchte die Vorsegel zu trimmen. „Da kilt noch ein Liek“, sie musste aber einsehen, dass die Segel nicht willens waren unseren Bemühungen zu folgen. Die Bootsleute betrachteten unser Bemühen äußerst amüsiert. Kurz vor dem Ziel kam uns ein sehr schickes Schiff sehr nah und wir zückten die Fotoapparate. Einige unserer Mitsegler wussten aber was kam und hatten sich „bewaffnet“ Es flogen Wasserbomben! Ich versteckte meine Kamera, damit sie nicht nass wurde. Dann waren wir kurze Zeit später im Ziel! Damit unsere Tagesgäste aber etwas haben vom Tag (und für ihr Geld) segelte Hartwig noch mal auf die Förde raus. Dort trafen wir auf ein weiteres Regattafeld, dass uns erheblich bekannter vorkam. Opti´s und andere Jollen! Welche Regatta das war, konnte ich allerdings nicht raus bekommen. War nicht in der DODV-Liste enthalten. Als wir dann wieder in den Hafen kamen, waren dort Himmel und Menschen. Wir machten uns Landfein und hatten noch Zeit bis zur „Preisvergeudung“. Dettmer meinte es gibt einen schönen Aussichtspunkt, um einen Überblick über Flensburg zu bekommen. Den erklommen wir und hatten einen schönen sonnigen Überblick. Wir fanden uns dann alle zur Preisvergeudung ein Rainer Prüß leitete ohne Mikro nicht ohne Witz die ganze Sache. War mal ganz was anderes. Die ersten bekamen zum Boot passend, äußerst interessante „Sachpreise“, die schon mal vom Dachboden oder wo auch immer her kamen. Der eigentliche Preis nämliche eine Drei-Liter-Bottle-RUM bekamen immer die zweiten, also warum sollte man gewinnen. Neben uns stand ein netter Mann mit seiner Frau der mir sehr bekannt vorkam. Als ich später auf den Aushang der Ergebnisliste sah, wusste ich auch wer es war: Arved Fuchs. Er ist mit seiner „Dagmar Aaen“ auch mitgesegelt. Er hat „leider“ in seiner Klasse gewonnen und seine Mannschaft erhielt eine Plüschrobbe als „Kalte-Füße-Preis“. Ein anderes Schiff namens „Britta Leth“ bekam eine Rattenfalle als „Frischfleischpreis“. Die „Osterfjord“ wurde separat für ihre Langsamkeit mit einer ausgestopften Schildkröte prämiert. Nun ja, wir gingen zum Essen auf die Pippilotta und dann wieder auf das Volksfest. Dort waren in etlichen Zelten auch die unterschiedlichsten Live-Musik-Veranstaltungen. Irgendwann gingen wir zum Schiff und saßen dann mit der Besatzung und den Bootsleuten noch gemütlich an Bord zusammen und fachsimpelten über Segeln im Allgemeinen und Bootslacke im Besonderen. Ein Bootsmann (seinen Namen habe ich leider vergessen) der in Flensburg wohnte und nur heute an Bord war, hat ein kleines historisches Schiff, welches er gerade restauriert. Am morgen war wieder zeitiges Ablegen angesagt und dann auch noch, das „Klar-Schiff-machen“. Jeder bekam bestimmte Aufgaben, wir waren eh heute mit Kloputzen und Deckschrubben dran, ich kümmerte mich dann noch um die Kombüse und deren Einrichtung. Dabei fiel mir auch der Grund für meines Unwohlsein in die Hände: Der Hering war mit Süßstoff, den mag mein Körper nicht. Geschmeckt hat er trotzdem! Irgendwann waren wir dann wieder in Schleswig, als wir ausgeschifft hatten gingen wir noch mal kurz in die Stadt und über den Jahrmarkt der Heringstage. Dann setzten wir uns ins Auto und fuhren mit etwas Stau unterwegs, wieder nach Berlin. Es war ein schöner Törn mit etwas Regen, aber überwiegend schönem Wetter. Es ist auf so einem Schiff alles erheblich langsamer als ich es gewöhnt bin. Auch das war eine schöne Erfahrung und selbst 4 Tage waren eine wunderschöne Erholung. Hier noch eine wenig Information zum Schiff: Die "PIPPILOTTA" wurde 1933 in Elsfleth an der Weser als Logger für die Hochseefischerei gebaut. Nach Jahren des aktiven Fischfangs diente sie in Norwegen als Frachtschiff. Hartwig Schröder hat sie 1990 erworben, gründlich restauriert und zu einem traditionellen Dreimastschoner umgebaut. Aus dem einst mit Fisch und Fracht gefülltem Laderaum entstanden gemütliche Unterkünfte, wobei die Atmosphäre des alten Schiffes erhalten blieb. (www.pippilotta.de) Ach ja, segelnder Kunststoff: Ich gebe ja zu, wir haben uns allein schon mit den Klamotten geoutet, denn wer auf Traditionsseglern in aktuellen Segelklamotten erscheint, outet sich sofort als „Yachtie“, Yachtsegler, oder eben zum segelnden Kunststoff gehörend. Das sind diese „feinen Pinkel“, die mit weißen Segeln unterwegs sind, den Lifestyle als Sport missverstehen, diesen unnötig bis verkniffen ernst nehmen und sich sowieso für was Besseres halten. Außerdem kriegen die bei jedem bisschen Arbeit Blasen, deshalb haben die immer so komische Handschuhe an, ohne Fingerkuppen??! Psst, hatte auch welche an, bin bekennendes Weichei! Traditionsschiffer sind mit braunen Segeln unterwegs. Das hebt sich besser vom Horizont ab, wird bei Schietwetter weniger übersehen, ist nicht so schmutzempfindlich und kann das ganze Jahr auf dem Baum liegen bleiben. Morgens wird in Häfen ein kleiner Spaziergang, zwecks heimlicher Katzenwäsche bei den Yachties gemacht, die haben überall sogar Duschen in den Häfen installiert. Und was hat das nun mit Rum zu tun? Im 18. Jahrhundert gedieh das Geschäft mit Hochprozentigem in Flensburg. Rohrzucker aus Dänisch-Westindien und später aus Jamaika wurde am Südzipfel der Förde zunächst raffiniert und später clever verschnitten. So brachte es Flensburg zu mehr als zwanzig Rummarken wie beispielsweise Asmussen, Detleffsen, Hansen, Pott oder Sonnberg. Diese Zeit ist leider vorbei, die Marken gibt es noch aber an diese Zeit soll mit der RUM-Regatta erinnert werden. Ute Steffenhagen |