JEM 2010 im SCN aus der Sicht eines Insiders!!!
Ich bin rechtzeitig zum Begrüßungsabend angereist, und nachdem ich eine Parklücke (ca. 1000 m vom Club entfernt) gefunden hatte, war ich stolz, als ich den harten Kern der Nordsterner in Aktion sah.
Das gesamte Clubgelände wurde genutzt.
Es hat sich doch gelohnt, was wir über Jahre geschaffen bzw. erhalten haben. Wobei "wir", wenn man ehrlich ist, eher wenige Leistungsträger sind, die sich immer wieder zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen.
Mein gutes Gefühl bekam einen deutlichen Dämpfer, als ich meinen Bruder laufen sah. Sein Spitzname "Rentner" war genau passend. Ist er in den letzten 3 Monaten, wo ich ihn nicht sah, so gealtert?
Die Erklärung war leicht gefunden -- er ist auf dem Steg beim Betreten des Startschiffes gestürzt. Nach sofortiger clubinternen ärztlichen Untersuchung, war die Diagnose positiv. Sein Kopf schien nicht betroffen zu sein. Also Entwarnung, unser Wettfahrtleiten mit der ChiefMMütze ist einsatzfähig.
Allgemeines Aufatmen!!!
Mein Stolz über unseren Club und die handelnden Personen kam schnell wieder zurück. Die offizielle Begrüßung wurde 2-sprachig durchgeführt. Das Flair -- wir sind international -- war zu spüren.
Zu spüren war auch eine erfreuliche Ausgelassenheit der Teilnehmer. Junge Menschen, die auch ohne Alkohol (am Anfang) fröhlich waren. In meiner Erinnerung -- war ich mit 18 Jahren anders.
Ich bin aus dem Ruhrgebiet angereist, um als Joker zu Verfügung zu stehen. Am Anfang lautete der Auftrag – Unterstützung der Zielcrew um Detlef Elfert. Ein wichtiger Job, wenn nicht nur die Ziellinie ausgelegt wird, sondern auch 40 Schiffe zu registrieren sind.
Gestartet wurde am Montag, aber auch abgebrochen, so wie es halt in Tegel oft üblich ist. Wolfgangs Botschaft war klar -- kein Tegeler Topfschlagen -- sondern Regatten, die dem Anlass -- Europameisterschaft -- gerecht werden.
Am Dienstag wurde an Land d.h. im Club gewartet und alle Register gezogen, um an verlässliche Wetterdaten zu kommen. ( Radio, Internet und pers. Telefonate mit den besten Meteorologen) Alles half nichts -- die Realität, kein ausreichender Wind. Warten zehrt an den Nerven. Noch 2 Wettkampftage, noch 9 Regatten ? Man hörte überall die Lebensweisheit -- Segeln ist vom Wind abhängig -- wir sind ja keine Ruderer!! Die Beruhigung -- für den Meistertitel reichen ja 5 Wettfahrten. Mittwoch und Donnerstag ist ein Wetterwechsel möglich.
Am Mittwoch war mein Auftrag -- Startrichter auf dem Startboot, d.h. Peilung über Mast und Boje, und "Schwester" Heide an meiner Seite, sie führt das Protokoll der Frühstarter.
Nun war ich im Zentrum der Macht -- unmittelbar an der Seite des Wettfahrtleiters (Chief), mein Bruder. Mir fiel sofort ein wie es früher war, als wir zusammen auf einem Boot waren -- meistens gut zu hören und zwar auch noch an Land.
Diesmal war alles anders. Mein Bruder strahlte Ruhe aus. Die Mannschaft auf dem Startschiff war eingespielt und jeder wusste was er zu tun hatte.
Also war ich gefordert nicht mit großer Klappe, sondern mit einer zuverlässigen Peilung aufzufallen. Eine Startlinie bis zu 200 m und 40 Schiffen, ist dies überblickbar? Aber das gesamte Regattateam ist über Jahre erfahren. Bernhard im Gummiboot peilt von der Boje zum Startschiff. Eine ebenfalls richtige Entscheidung, was sich später bestätigen sollte.
Wann kommt der Wind? Bleibt er stabil in Richtung und Stärke. Die internationalen Vorgaben sind zu beachten.
Gegen 11 Uhr kann gestartet werden. Was für eine Disziplin der Segler. Der Start klappt gleich beim ersten Mal. Die zu früh waren, bereinigen sich, so wie es die Regeln vorsehen. Der Wind lässt nach -- sofortige Entscheidung vom Chief, Bahnabkürzung. Der Tonnenleger, mit Hans-Jürgen am Steuer, platzierte sich am Lee-Fass und schickte per Flaggensignal das Regattafeld nach rd. 50 Minuten ins Ziel. Die erst Wettfahrt ist im Kasten.
Was macht der Wind? Nicht das was vorhergesagt wurde. Alle 5 Minuten eine Bö und dann noch von Nord bis Südwest.
Die Nerven liegen blank. Jeder der Wind spürt fragt Wolfgang -- wann geht es denn los?
Nun zeigten die Schmerztabletten, die Wolfgang brauchte, um seinen schleichenden Gang schmerzfrei zu gehen, ihre Nebenwirkung.
Statt gelassen und ruhig zu antworten, wurde von Wolfgang ohne Mikro klargestellt -- Ich entscheide hier, Basta!!!
Ich hatte das Gefühl, er spricht mit mir, wie vor 20 Jahren.
Nach dieser Aussprache, die keine war, kam der Instinkt von Wolfgang wieder. Das Startschiff wurde verholt und siehe da, kaum war der Anker im Schlick, passte die Windrichtung zu unserer Startlinie. Ich meine Glück gehabt, -- Wolfgang, das habe ich kommen gesehen!!!
Bevor die Nebenwirkungen ihn wieder schwächen, gebe ich ihm bewundernd recht!!
Dann volle Aktion -- Startschiff an Gummiboot, an Tonnenleger und Zielschiff alles über Funk, jeder verstand seine Aufgabe und die Bahn lag so, dass sie Euro-würdig ist. Nun kam Hermann zum Einsatz. Ruhig und sicher wurde die Zeit angesagt und Schallsignale gegeben. Die Flaggen wurden sekundengenau von den anderen der Startcrew gesetzt.
Die letzte Minute vor dem Start -- war immer die spannendste. Wann kommt der erste Rückruf. Einzelrückrufe waren notwendig und die doppelte Peilung hat sich bewährt. Die überlappten Boote sah Bernhard oder umgekehrt -wir-. Auch nur 2 Sekunden zu früh, ist zu früh.
Was am frühen Nachmittag keiner mehr glaubte, wir brachten am Mittwoch 4 Regatten zu Ende. Das Zeitlimit von mind. 45 min wurde eingehalten. Die Dreiecke waren eher klein. Viele Manöver, dafür aber immer volle Bahn. Die Berufsschifffahrt hat sich fair verhalten.
Die internationale Jury hatte volles Abendprogramm. Proteste wurden sorgfältig erörtert und dann klar entschieden.
Wolfgangs Sorge, noch eine Regatta (dann haben wir 5) und wir haben einen Europameister.
Der letzte Tag.
Alles lief nach Plan, jeder an seinem Platz, alle Segler rechtzeitig auf dem See. Punkt 11 Uhr begann der Regattamarathon. Bei westlichen Winden, in den Spitzen bis 18 Knoten, wurde eine Wettfahrt nach der anderen abgespult.
Nicht nur für die Segler, auch für die Regattamannschaft volles Programm. Bojen auslegen, Bojen korrigieren, Startprotokolle erfassen (die Damen Barbara, Renate und Heide träumten schon von den vielen 4-stelligen Segelnummern) rechtzeitig die Zielflagge setzen und die Ergebniserfassung, von den vielen Rundungsprotokollen ganz zu schweigen, alles PC gestützt (dank Katharina).
Das Unmögliche ist wahr geworden. Am Donnerstag 5 Wettfahrten, d.h. 9 insgesamt, damit Streicher für jeden. Kein allgemeiner Rückruf -- was für eine Leistung der engagierten Segler.
Kenterungen und „Kleinholz" gab es bei nachlassender Konzentration auch. Der alte Seglerwitz „scheint die Sonne auf das Schwert, macht der Segler was verkehrt" machte die Runde.
Als ehemaliger aktiver Regattasegler, -- mein Respekt der guten Mannschaft um Wolfgang. Es hat mir Spaß gemacht, als Joker dabei sein zu dürfen.
Aufgrund unseres Arbeitsprogrammes und der Distanz zum Regattafeld (mit Ausnahme der Startphase) konnte ich nur das Spi-Feld und die Rundung der Leetonne beobachten. Klasse, sehr gute sportliche Leistungen und für einen ehemaligen 20er Segler ungewöhnliche Töne. Frauen schreien nach Raum und bekommen ihn auch. Obwohl die Schiedsrichter auch während der Wettfahrt Fehler sofort anzeigten und bereinigten ließen, gab es am Ende noch einige Proteste zu verhandeln.
Gegen 22 Uhr 30 vor unserem Flaggenmast eine dem Anlass entsprechende feierliche und fröhliche Preisverteilung.
Die Euro ist zu Ende. Bezüglich der Ergebnisse verweise ich auf das Schlussprotokoll.
Ich fahre mit vielen Eindrücken zurück nach Essen. Ich bin ein wenig stolz, Nordsterner zu sein!!!
Wohl wissend, dass meine Eindrücke und dieser Bericht nur einen Teil der Erlebnisse widerspiegeln, bitte ich um Euer Verständnis, dass die sportliche Berichterstattung und die konkrete Darstellung der einzelnen Regattaergebnisse nicht von mir geleistet werden konnte.
Mit sportlichem Gruß
euer Manfred Schlaak
