Mit „Maria“ rund Usedom (15.-27. Juni 2016)

von Anne Voorhoeve

Mittwoch, der 15. Juni, 17:20 Uhr. Vor fünf Minuten kam mein Reisegefährte angehetzt. Bis zuletzt hat er es spannend gemacht, es liefen Wetten, ob er überhaupt auftauchen würde, und als Thorsten, Trommel, Micha Lorenz und „Paps“ Ketterling uns zum Abschied winken, können auch sie sich wahrscheinlich nicht mehr erinnern, wann aus dem winterlichen Running Gag „WDK segelt nach Bornholm (und nimmt Anne mit)“ Ernst wurde.

 

Schon ist der heimatliche Steg nicht mehr zu sehen. Wir sind unterwegs! Immerhin bleibt der Blick am Motorboot von Marion und Micha Dzembritzki hängen, wenn man sich umdreht. Sie werden uns bis Ueckermünde begleiten und von dort ins Usedomer Achterwasser weiterfahren. Wir rechnen mit drei Tagen. Es wird anders kommen. Aber unsere ersten beiden Tagesziele erreichen wir noch wie geplant: am Mittwochabend den Yachthafen LuBea am Lehnitzsee, wo wir uns telefonisch anmelden und am Steg schon freundlich erwartet werden, und am Donnerstag die Marina Oderberg.          ((Foto 1))

Donnerstagmorgen hat beim Spiegeleierbrutzeln am Steg mein kleiner Gaskocher seinen ersten Einsatz. Um 10 Uhr legen wir ab – um keine Viertelstunde später auch schon wieder zu stehen. Erst kurz vor 12 kommen wir mit drei weiteren Sportbooten hinter einem Flusskreuzfahrer und einem historischen Holzschiff durch die Schleuse Lehnitz. Die Kanalfahrt wird WD indes bald langweilig, also darf ich über längere Strecken steuern, während er seinen Krimi liest. Mittags wärmen wir Kartoffelsuppe auf, es gibt Kaffee und Haferkekse, und die in Lehnitz verlorene Zeit holen wir am Schiffshebewerk wieder auf, wo wir ohne zu warten durchfahren können.

Nix geht mehr in Oderberg

Nach 10 Kilometern wunderschöner Oderbruch-Landschaft, die wir vier ganz allein genießen können, weil auf dem Wasser überhaupt nichts los ist, legen wir in Oderberg an. Die Männer sausen erstmal Richtung Bier, später nach einem schönen Restaurant-Abendessen zum Fußballgucken (Deutschland-Polen auf Zimmer 6). Marion und ich räumen unser jeweiliges kleines Zuhause auf und packen schon mal das Handgepäck für den Besuch der sanitären Anlagen. Mitte Juni ist es so hell, dass man um 22 Uhr noch einen Spaziergang über die Felder machen und sogar Feldlerchen hören kann.

Wenige Stunden später hören wir den vorhergesagten Regen nur so prasseln. Drinnen bleibt aber alles dicht, und der morgendliche Blick hinaus enthüllt, dass dank der Kuchenbude auch die Backbordseite der Plicht trocken ist. Leider stand meine Tasche mit Handtüchern und Kosmetik an Steuerbord ... aber Duschen ist eh nicht nötig, der Sprint über den Steg zum Auflesen der bestellten Brötchen genügt, um pudelnass zu werden. M & M bleiben zum Waschen gleich an Bord, und beim Frühstück auf dem Motorboot trifft uns die Erkenntnis, dass wir nicht weiterkommen: Durch die verregneten, beschlagenen Fenster der Persenning von „Zwaartsluis“ ist nicht genug zu sehen.

Lagebesprechung auf der „Maria“: Nein, wir fahren nicht allein weiter, wir wollen auf jeden Fall zusammen mit M&M übers Haff. Ich telefoniere mit Horst und Heide, die mit ihren tapferen kleinen Bordhunden Arti und Paco soeben in Marienwerder abgelegt haben. Horsts Wetter-App verspricht für den Nachmittag besseres Wetter: „Wir sehen uns heute Abend in Schwedt!“ Nun, sehen können wir Horst tatsächlich, bis zur Nase in Ölzeug verpackt, als er ein paar Stunden später im Oderberger Hafenbecken eine Begrüßungsrunde für uns dreht, bevor er vergnügt weiterfährt. Ohne uns.

Unterwegs in Polen

Samstag, der 18. Juni, stand lange im Kalender als der Tag, an dem wir eigentlich zur Ostsee trailern wollten ... beim Aufwachen muss ich unwillkürlich daran denken. Immer noch regnet es, aber schon deutlicher weniger, und jetzt hält uns wirklich nichts mehr in Oderberg. Bereits kurz nach 8 passieren wir die Schleuse Hohensaaten. Vor Freude gibt es während der Fahrt gleich zwei Mal Frühstück. Wegen des unberechenbaren Wetters befahren wir nun doch die West- statt der Ostoder, aber auch hier empfängt uns eine schöne, abwechslungsreiche Landschaft. Fischreiher, Rohrsänger, ein Seeadler und ein kleiner Fuchs, der am Flussufer trinkt, sind die einzigen Lebewesen, die uns begegnen. ((Foto 2))

 

 Am späten Nachmittag erreichen wir die Marina Goclaw, wo nicht nur Ketterlings angelegt haben, sondern auch Marianne und Wolfgang Kaplick mit Jörg Hübner, die die Strecke nach Stettin in einem Rutsch gefahren sind. WD und Micha stellen unseren Mast, ich räume die Kajüte auf, nach wenigen Tagen schon Routine. Alles hat seinen Platz. Der arme WD findet nichts mehr an den Stellen, wo es jahrelang war, wo es seiner Meinung nach hingehört oder er es zumindest vermutet hätte. Aber der kurzsichtige Mensch, also ich, hat seine Bordeinrichtung gern übersichtlich (sorry, WD!).

Als nächste Etappe hat Horst uns Stepnica empfohlen und die Reise dorthin lässt sich perfekt an: Mit ca. 4 Knoten können wir fast durchgehend segeln. Mich erwartet zudem die freudige Überraschung, dass ich an die Pinne darf, während WD an der Vorschot rackert und sich gleichzeitig mit dem neuen Kartenplotter zu einigen versucht. Das Ding hat nämlich die seltsame Angewohnheit, sich in unregelmäßigen Abständen in den Standby zu verabschieden, worauf man jedes Mal wieder auf „Tour fortsetzen“ tippen muss. Wie im Winter, als wir auf der neuen Hifi-Anlage Brahms hören wollten, und genau wie damals schwant WD, dass das mit den Unterbrechungen irgendwie nicht stimmen kann.

Die Macken des Plotters stören seine Urlaubserholung aber zum Glück nur unwesentlich und am frühen Abend legen wir vergnügt im Kanal von Stepnica an. Vor uns die „Sueno“, hinter uns der gute „Zwaartsluis“ – Nordsterner, wohin das Auge blickt. ((Foto 3))

Getrübt wird die Freude allenfalls von den sanitären Anlagen. Es gibt zwar ein neues Gebäude mit sauberen Toiletten und Duschen; dieses ist allerdings abgeschlossen, wenn der unfreundliche Hafenmeister nicht am Platz ist, sodass zur Hauptwaschzeit frühmorgens und abends nur zwei wirklich schauerliche Container bleiben. Schade. Stepnica hat Charme und ist ein wunderschöner Anlegeplatz, aber der Stellenwert ordentlicher Waschräume ist hoch, wenn man auf einem Boot lebt. Auf dem Rückweg wollen wir andere Häfen ansteuern.

Boxenstopp in Ueckermünde

Unter Segeln erreichen wir am Montagabend die Lagunenstadt Ueckermünde. M & M sind bereits mehrere Stunden vor uns angekommen und haben die Schlüssel für die Ferienwohnung geholt, die wir für den Fall reserviert hatten, dass wir nach ein paar Tagen unterwegs erstmal eine Pause vom Wetter, vom Miteinander oder vom Bordleben allgemein brauchen. Nun packe ich nur ungern meine Siebensachen, um „Maria“ gegen irgendeine stinknormale Ferienwohnung zu tauschen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Fahnenflucht.

WD gefällt die Wohnung auch nicht. Es gibt keinen Balkon und 30 Achtklässler feiern in unmittelbarer Nachbarschaft gerade Klassenfahrt! Während Marion schon duscht und ich abwasche, ist mein Reisegefährte plötzlich verschwunden - und kehrt mit neuen Schlüsseln zurück. Den Alleingang müssen wir erstmal diskutieren, außerdem haben wir die erste Wohnung doch schon benutzt!, aber das ist denn auch mein einziges Argument, bevor wir in die viel schönere, ruhige Wohnung mit Balkon und Hafenblick umziehen. Nach uns rückt die Putzkolonne an. Ich versuche nicht hinzusehen ... Später geht es zum Abendessen mit Ketterlings, die ebenfalls in Ueckermünde festmachen. ((Foto 4))

Am nächsten Tag regnet es, Wind gibt es auch nicht, also mieten wir Fahrräder und erkunden den Ort. WD geht zum Friseur (drei Minuten) und es gibt Fußball in der Hafenkneipe. Unseren letzten Abend mit M&M lassen wir erst auf der Terrasse vor der Hafenmeisterei, dann auf dem Balkon bei einem Glas Wein ausklingen. Einige Lebensmittel werden vor dem Abschied noch aufgeteilt, darunter in Ueckermünde eingekaufte Wurst. Eine fatale Entscheidung. Aber dazu später ...

Hightlight(s)

Dass es beim ersten gemeinsamen Fahrtensegeln nicht gleich Bornholm werden würde, war WD und mir bereits vor der Reise klar, aber die Ostsee sollte es schon sein - das Highlight, das quasi am Horizont blinkt, während du unterwegs bist. Schöner Quatsch. Das Highlight ist die Reise selbst, das langsame Unterwegs-Sein von Hafen zu Hafen, das Gefühl totaler Entschleunigung und die Freude darüber, dass das Miteinander an Bord sich als richtig schön herausstellt. Das Highlight ist die kleine, wunderbar gemütliche, leicht zu segelnde Maria mit ihrem 35 Jahre alten Motor, der nur so schnurrt. Der unglaubliche Sonnenuntergang in Rankwitz am Peenestrom, bei dem wir aus dem Staunen nicht herauskommen, als unmittelbar neben uns auch noch ein Seeadler Fische fängt. Morgens kommt Trommel zum Frühstück. Zum Glück haben wir noch Kaffee. ((Foto 5))

Ein definitives Highlight ist es, vor der Klappbrücke in Zecherin bei ziemlich viel Wind am Dalben zu hängen und zuzusehen, wie WD unseren Mast innerhalb von 50 Minuten legt und wieder stellt, damit wir lässig eine Stunde früher durchfahren können. Hut ab! (Der auf WDs Kopf mitgeführte Hut ist übrigens auch ein Highlight, ein echter Tilley.)

Ein weiteres Highlight ist die Marina Kröslin, eine wahre Bootsschau, für die du, wenn du einen Stegplatz reservieren willst, erstmal in der Warteschleife des „Kundencenters“ landest. Mit Musik! Die sanitären Anlagen sind vom Feinsten, aber Vorsicht: nicht zu spät essen gehen wollen! Nach 21 Uhr gibt es nur in der Tapas-Bar noch warme Küche. (Wir empfehlen wärmstens die gemischte Tapas-Platte für 2 Personen.)

Und am Morgen des 24. Juni ist es dann tatsächlich soweit: WDK segelt – nun ja, nicht nach Bornholm, aber immerhin auf der Ostsee! Das vorletzte noch fehlende Stück unserer Usedom-Umrundung. Der Tag x sozusagen.

Ehrlich gesagt, war es ziemlich enttäuschend. Ausgerechnet beim langen Schlag nach Swinemünde hatten wir nämlich keinen Wind, und den auch noch aus der falschen Richtung. Die Segel waren zwar gesetzt, aber ohne Motor wären wir mit höchstens 1,5 Knoten so gut wie nicht vorangekommen. Von der Küste Usedoms waren kaum Details zu erkennen; mit einiger Mühe machte ich in der Ferne etwas aus, das als die markante Strandtreppe der Reha-Klinik Ückeritz durchgehen könnte. Das ist alles, abgesehen von viel Sonne, die mir zum dritten Mal auf dieser Reise die Lippen verbrennt, weil ich es versäumt habe, mir einen Tilley-Hat für Damen zu besorgen.

Trotzdem kommen wir mit einem gewissen Hochgefühl in der Marina Swinemünde an. Die Ostsee ist geschafft! Bei unserer Ankunft wird gerade die Tribüne für ein großes Hafenfest aufgebaut, ein sehr angemessener Rahmen für unser eigenes Ereignis. Ein nettes kleines Restaurant namens Mila kenne ich auch, wo wir am Abend leckeren Fisch essen.

Um es kurz zu machen: Der Fisch war nicht schuld. Es kann nur die Wurst aus Ueckermünde gewesen, die WD sich zum Frühstück aufs Brötchen gelegt hat. Andererseits: Was kann die Wurst dafür, dass wir ohne Kühlmöglichkeit unterwegs sind? Was auch immer dafür verantwortlich ist, in Swinemünde nimmt unser Törn leider eine völlig andere Abzweigung als geplant. WD liegt mit verdorbenem Magen in der Koje, bei fast 35 Grad Außen- und Innentemperatur. Ich laufe in die Stadt, hole Zwieback und Tee und versuche meinen Einsatz als Krankenschwester leidlich zu bewältigen.

Erst am übernächsten Tag können wir weiterfahren und der Wind im Stettiner Haff entschädigt uns für die langweilige Ostsee-Strecke. 5-6 Windstärken und eine ordentliche Welle machen es erforderlich, dass der Kapitän selbst das Steuer übernimmt. Ich habe meine Seekrankheit-Armbändchen an, die letztes Jahr auf dem Ijsselmeer ihre Premiere hatten, und vermeide es tunlichst, in die Kajüte runterzuklettern. So kommen wir mit einer richtig heißen Segelpartie übers Haff und über den Dabie-See zur Marina Pogon in Stettin, und damit zur letzten Station unserer Usedom-Umrundung. ((Foto 6))

Ansonsten ist auf der Rückfahrt Ruhe angesagt: ich meist an der Pinne, WD lesend in der Koje. Zeit genug, die beiden Wochen Revue passieren zu lassen – und die anderen Segler, die uns auf der Oder entgegenkommen, zu beneiden. Ihr habt es gut, ihr dürft zur Ostsee! Wir fahren jetzt nur noch nach Hause, werden morgen das Boot ausräumen und ein paar Erinnerungen behalten, das war’s. Immerhin können wir neuerdings mitreden, wenn es am Stammtisch ums Fahrtensegeln geht.

Aber zwei Wochen sind einfach zu kurz.

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